Heute ist mal wieder der Pendeltåg ausgefallen, und ich bin eine Ewigkeit auf dem Bahnsteig rumgestanden. Zum Trost war der nächste Pendeltåg dann wenigstens schön voll und warm. Es wäre allerdings immer noch für jeden stehenden Fahrgast fast ein ganzer Quadratmeter Platz gewesen, aber das hinderte einen etwas älteren Herrn nicht daran, sich fünf Zentimeter vor mich hinzustellen. Da ich in einer Ecke stand, war kein Entkommen möglich, und mir blieb nur zu hoffen, dass das Stehvermögen dieses Herrn den Brems- und Beschleunigungsaktivitäten des Pendeltågs gewachsen sei.

Es war. Dieser Herr stand die ganze Zeit steif als hätte er einen Stecken verschluckt. Ich konnte sein Gesicht nicht sehen, sah nur dass hinter seinen schlaff herabhängenden Wangen die Spitzen eines wohlgezwirbelten Schnurrbarts hervorlugten. Ein mit vollen militärischen Ehren entlassener Unteroffizier im Ruhestand dachte ich. Ich konnte weder aus dem Fenster schaun, noch auf die anderen Fahrgäste, sondern das Einzige, was ich während der fünfundzwanzig Minuten Fahrzeit betrachten konnte war sein Nacken und sein Hinterkopf.

Auch nicht schlecht. Von den Haaren war nur noch ein grauer Kranz ü,briggeblieben, der Tonsur eines Mönches nicht unähnlich. Dafür war die Glatze schön gepflegt, glänzend und faltenfrei. Obwohl glatt wie eine Billardkugel fielen mir doch vier gelockte Haare auf, die einzeln aus der Glatze hervorsprossen, drei graue und ein dunkles. Ferner eine nicht geringe Zahl (grö&szig;er gleich fünfzehn) rot verfärbter entzündeter Stellen von jeweils etwa zwei Millimeter Durchmesser. Möglicherweise waren diese Entzündungsherde die Erklärung für den Schuppenbelag auf seinem Mantelkragen. Oder handelte es sich etwa um Ungezieferbisse? Ausserdem gab es noch vier sehr kleine schwarze Punkte auf der Kopfhaut, die ich für sehr kleine Leberflecke hielt. Oder waren es überaktive, verfärbte Talgdrüsen?

Übel sah es hingegen mit dem Nacken aus. Mindestens drei waagrechte Falten, und entlang der Falten die haut in rosa Rissen aufgesprungen. Dieser Mensch nimmt nicht nur das falsche Schampoo, er sollte sich auch den Hals gründlicher waschen.

Oder noch besser - sich nicht so nah vor andere Leute stellen.

6. April 2000

Kannitverstaan

Wenn es etwas gibt, was die Schweden überhaupt nicht vertragen können, dann ist es wenn sie jemanden nicht verstehen. Wo man in anderen Ländern ein höfliches "Pardon?" oder "Excuse me?" einwirft, wird einem hier ein aggressives "WOSO-ÜÜ!" (vad säger du) entgegengeblafft. "WOSO-ÜÜ!" hört man überall. Der alte Mann im Zeitungsladen, der beim Vorzählen des Wechselgelds nicht mitkommt, der Ehemann mit Telefon im Pendeltåg, der einen Anruf von seiner Frau bekommt, dass sie auch gerade in irgendeinem Pendeltåg sitzt, alle sind sie rechtschaffen erbost, wenn sie was nicht mitkriegen.

Neulich passierte es, dass jemand unachtsamerweise ein e-mail auf ungarisch an die Mailinglist meines Arbeitsplatzes geschickt hat, und zwar hat er dafür eine Addresse gewählt, die Replies ebenfalls an die Mailinglist schickt. Die Folge war, dass jeder alle Antworten und alle Antworten auf die Antworten zugeschickt bekam, was die Schweden überhaupt nicht lustig fanden.

Woanders hätte man ein ungarisches E-Mail, wenn man nicht selbst Ungar ist, wahrscheinlich einfach ignoriert. Bei uns kamen erst mal zwanzig wütende Antworten von irgendwelchen Leuten, dass sie kein Ungarisch verstünden. Eine halbe Stunde später kamen ungefähr zweihundert wütende Antworten von anderen, die sich durch die Antworten belästigt fühlten und die schrieben, es interessiere sie nicht, ob Soundso Ungarisch verstünde, und schon war die Kacke am Dampfen, bis schließlich der Web Master ein Machtwort mailte, und der ganze Spuk ein Ende nahm.

Fast tragisch wäre es letzte Woche in Göteborg ausgegangen. Ein Flugzeug aus England war auf dem Landeanflug, als die Piloten ein Problem entdeckten, war es ein Triebwerksschaden, war es ein Kabelbrand - ich weiss es nicht mehr, es tut auch nichts zur Sache. Die Piloten jedenfalls baten den Göteborger Fluglotsen, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen, aber leider konnte der Fluglotse sie nicht verstehen. Die Piloten sagten "Pan Pan", der Fluglotse verstand noch immer nicht. Die Piloten sagten "Mayday", der Fluglotse verstand noch immer nicht.

Nun wissen vielleicht nicht alle, ich jedenfalls wusste es bis dahin nicht, dass es sich hierbei um ganz besonder Codewörter fü,r Piloten handelt. "Pan Pan" heisst "Sieht schlecht aus" und "Mayday" heisst "wir kommen." Warum solche Codewörter benutzt werden, weiss ich auch nicht. Vielleicht wollen die Piloten den werten Passagieren unerfreuliche Aufregungen während der letzten Sekunden ersparen.

Ich kann mir das gut vorstellen. Der englische Pilot ruft verzweifelt "Pan Pan - Pan Pan" und der Göteborger Fluglotse bellt zurück "WOSO-ÜÜ!". Der Pilot hat dann am Ende so einen Schreck gekriegt, dass er das Flugzeug doch noch ohne weiteren Schaden aufgesetzt hat.

Die schwedische Öffentlichkeit steht natü,rlich voll und ganz auf der Seite des armen Fluglotsen. Soll der Pilot doch etwas deutlicher sprechen, dass man ihn richtig verstehen kann.